Warum ich jahrelang nicht wusste, wo die Porsches geblieben sind
Ich erinnere mich noch gut. Ich saß vor irgendeinem Rennspiel Project Cars, glaube ich und hab mich gefragt: Wo sind eigentlich die Porsche?
Ferraris? Da. Lamborghinis? Auch da. BMW, Mercedes, Aston Martin? Alle sind da. Aber Porsche? Fehlanzeige.
Stattdessen gab es einen Hersteller namens RUF. Den kannte ich vorher nicht. Ich dachte ehrlich gesagt, das wäre irgendeine obskure Kleinserie im Porsche Look. Und ich hab dann einfach den RUF CTR genommen und bin damit gefahren. Komischer Name. Komisches Auto. Optisch Porsche aber…
Was ich damals nicht wusste: Dieser RUF ist kein schlechter Ersatz für einen Porsche. Der ist im Grunde ein Porsche von einer Tuningfirma umgebaut. Und das war kein Zufall. Das war ein Trick. Aber dazu gleich mehr.
Der Porsche Vertrag mit EA, der alles veränderte
Im Jahr 2000 erschien Need for Speed: Porsche Unleashed. Ein komplettes Spiel, nur über Porsche-Fahrzeuge. Klingt eigentlich großartig. Und das Spiel war auch nicht schlecht.
Gleichzeitig passierte aber etwas im Hintergrund, das die Rennspielwelt für die nächsten 16 Jahre prägen sollte: Porsche und Electronic Arts schlossen einen Exklusivvertrag.
Der Inhalt: Porsche-Fahrzeuge dürfen ab sofort nur noch in Spielen erscheinen, die EA produziert oder veröffentlicht.
Kein anderer Publisher und kein anderer Entwickler. Nur Electronic Arts.
Das Guinness-Buch der Rekorde hat das übrigens offiziell eingetragen: längster Exklusivdeal zwischen einem Spielepublisher und einem Automobilhersteller aller Zeiten. 17 Jahre lang ging der Vertrag.
Was bedeutete der Vertrag zwischen EA und Porsche in der Praxis?
Project Cars? Kein Porsche. Assetto Corsa? Kein Porsche. Grid? Kein Porsche.
Für alle Rennspiele, die nicht von EA kamen, galt es gibt keinen Porsche im Game.
Das war natürlich eine Katastrophe für alle Rennspielenthusiasten, die nicht gerade Need for Speed spielten. Denn die Need-for-Speed-Reihe hatte sich mit der Zeit stark verändert. Anfang der 2000er ging die Serie immer mehr in Richtung illegales Straßenrennen, Tuning-Kultur und Verfolgungsjagden mit der Polizei. Nichts gegen NFS aber das ist halt eine andere Zielgruppe als Leute, die ernsthaft Rennsport-Simulationen spielen wollen.
Und genau diese Leute Spieler von Assetto Corsa, Project Cars, Forza (ok, ist jetzt auch nicht diieee Simulation die saßen vor ihren Spielen und fragten sich: Wo ist der 911er und andere Porsche Ikonen?
Der RUF-Trick immerhin ein bisschen Porsche
Hier kommen die Jungs von RUF Automobile ins Spiel. RUF ist eine kleine Firma aus Pfaffenhausen in Bayern. Die kaufen Porsche-Rohkarosserien und bauen daraus komplett eigene Fahrzeuge mit eigenen Motoren, eigenen Fahrwerken, eigenen Innenräumen.
Und das Entscheidende: Die deutschen Behörden erkennen RUF als eigenständigen Fahrzeughersteller an. RUF-Autos haben eigene Fahrzeugidentifikationsnummern. Die sind also nicht einfach getuntes Porsche-Zubehör die sind offiziell eigene Fahrzeuge.
Das bedeutete: Spiele wie Project Cars durften RUF-Fahrzeuge einbauen, ohne gegen den EA-Porsche-Deal zu verstoßen.
War natürlich trotzdem ein bisschen traurig. Denn seien wir ehrlich: Wenn man im Spiel einen RUF CTR fährt, weiß man genau, was das eigentlich ist. Und was es eben nicht sein darf.
Forza durfte Porsche, aber mit Aufpreis
Wer Forza gespielt hat, erinnert sich vielleicht: Dort gab es zwischendurch tatsächlich Porsche-Fahrzeuge. Forza Motorsport 4 zum Beispiel hatte einige 911er und andere Modelle. War sogar nen gutes Paket, wie ich fand.
Wie war das möglich?
Turn 10, das Forza-Entwicklerstudio, hat sich eine Sub-Lizenz von EA geholt. EA hat also die Porsche-Rechte quasi „untervermietet“. Und natürlich nicht kostenlos. Das Ergebnis: Porsche-Fahrzeuge in Forza waren kostenpflichtige DLC-Pakete. Wer also in Forza einen echten 911er fahren wollte, musste extra zahlen.
Was für eine absurde Situation.
2016: Der Deal endet und Porsche gibt zu, dass es Mist war
2016 lief der Vertrag aus. Diesmal wurde er nicht verlängert. Und die Aussagen, die danach kamen, waren ziemlich eindeutig.
Ein Vertreter von Porsche erklärte öffentlich: Man hatte gemeinsam erkannt, dass die aktuelle Situation nicht mehr wünschenswert war. Exklusivdeals dieser Art wie zwischen EA und Porsche wird es in Zukunft nicht mehr geben.
Mit anderen Worten: Porsche hat selbst gemerkt, dass sie einen Fehler gemacht hatten.
Das erste große Spiel außerhalb von EA, das danach Porsche offiziell einbaute, war Assetto Corsa. Und das hatte sogar einen schönen Hintergrund: Porsche hatte die Pro-Version von Assetto Corsa in seinen weltweiten Experience Centers eingesetzt. So war eine engere Zusammenarbeit entstanden.
Hat der Deal Porsche geschadet?
Meiner Meinung nach, denke ich schon das der Vertrag zwischen EA und Porsche dem Unternehmen geschadet hat.
Porsche ist eine der ikonischsten Automarken der Welt. Der 911er ist ein Kulturphänomen. Und trotzdem war diese Marke über fast zwei Jahrzehnte in den meisten Rennspielen einfach nicht vorhanden.
Was bedeutet das für jemanden, der aufgewachsen ist mit Gran Turismo, Forza oder Assetto Corsa? Der verbindet Porsche nicht mit seinem Lieblingsspiel. Der ist nie stundenlang mit einem 911 GT3 RS über die Nordschleife gefahren. Der hat keine emotionale Verbindung zur Marke über das Spiel aufgebaut.
Und das ist eigentlich das Schlimmste daran. Denn genau das ist die Kraft von Videospielen für Automarken: Junge Spieler, die sich im echten Leben nie einen Porsche leisten können, können ihn virtuell fahren. Sie werden so zu Fans. Zu Menschen, die irgendwann vielleicht doch ein Porsche-Modell kaufen. Oder zumindest ein Leben lang Fan der Marke bleiben.
Diese Chance hat Porsche 16 Jahre lang systematisch verpasst.
Und heute?
Heute sieht die Welt anders aus. Forza Horizon 6 hat eine beeindruckende Auswahl an Porsche-Modellen. Assetto Corsa Evo hat Porsche. Eigentlich hat nun wieder jedes ernsthafte Rennspiel Porsche.
Und man merkt es. Die Game-Hersteller nutzen die Freiheit. Porsche ist jetzt überall.
Ich finde das gut. Ehrlich gesagt sogar überfällig.
Wenn ich heute in Forza Horizon 6 einen 911 Turbo S über die japanischen Straßen jage, dann denke ich manchmal kurz an die Zeit zurück, wo das nicht möglich war. Wo ich stattdessen in irgendeinem anderen Spiel einen „RUF CTR“ gefahren bin und so getan habe, als wäre alles normal.
Es war nicht normal. Es war Wahnsinn.
Aber wenigstens ist er vorbei.